Es ist so friedlich hier - Chat um 15 Uhr: Computerspiele — von Ge…
computerspielelich nichts Ungewöhnliches, eher im Gegenteil. Doch
selbst für Childworld war es zu still, zu friedlich. Paul und Joseph
sahen sich an und sahen zu, dass sie sich aus den Fallschirmknäueln
befreiten. Der Absprung vom Hubschrauber war Routine gewesen, dass
allerdings keine Sirene geschrillt hatte, das war keine Routine
gewesen.
Das letzte Mal hatten sie von einem Versehen gesprochen, davon, dass
sie den Wind falsch berechnet hatten und deshalb nicht vor der Mauer
im Meer sondern hinter der Mauer, in Childworld, gelandet waren. Ihr
unauffälliges, freundliches Verhalten hatte sie gerettet, denn man
hatte sie tatsächlich wieder ziehen lassen.
Childworld war nicht von einem Tag auf den anderen entstanden, nein,
ganz bestimmt nicht. Es war ganz ganz langsam erst zu Childworld
geworden, hatte sich entwickelt.
So wie aus einer winzig kleinen Bohne durch Hege und Pflege, durch
Wasser und Nährstoffe erst ein kleiner Keim, dann eine Bohnenpflanze
mit vielen kleinen Blüten wurde, die später zu neuen Bohnen wurden,
so war Childworld auch anfangs nichts weiter gewesen als ein kleines
Eckchen “Frieden”, ein winziges Eckchen mitten in einer Stadt, in der
sonst Wut und Gewalt herrschten.
Childworld war der Fels in der Brandung, der Hafen im Sturm des
Chaos, war die Rettung für die Kinder, die in einer Welt, die längst
den Halt verloren hatte und wie ein wild gewordenes Karussel um seine
eigene Achse kreiste, schon lange nicht mehr beschützt wurden. Ein
winziger Stadtteil, genannt Childworld, das war es gewesen… doch
dann, durch viel Hege und Pflege durch Eltern, Politiker, durch
Popstars, Künstler und nicht zuletzt Journalisten, war es gewachsen.
Wie ein bunter Schmetterling ging die Kunde von einer Welt, die
endlich wieder an die Kinder dachte, von Stadt zu Stadt, von Mund zu
Mund, von Tür zu Tür. Es war wie ein magischer Staub, den jemand,
kaum dass man ihn sah, über einen verteilte.
Als man verstand, dass letztendlich aber Childworld zum Scheitern
verurteilt war, als man sah, welchen Denkfehler man gemacht hatte, da
musste gehandelt werden. Denn - was nutzte all das Bemühen, all die
liebevolle Zuwendung, was nutzte die schützend erhobene Hand, wenn es
einfach zu viele Menschen gab, die, kaum dem Kindesalter entronnen,
sich nicht mehr an die Regeln hielten?
Aber die Lösung wurde schnell gefunden.
Der gigantische Kontinent wurde in zwei Hälften geteilt - eine war
Childworld, eine war XXX-World. Childworld, der nördliche Teil des
Kontinentes, war, wie Paul und Joseph selbst hatten fest stellen
können, wirklich ein Ort des Friedens. Freundliche, lächelnde
Menschen, die sich Gedanken um Umweltschutz, Höflichkeit, Vertrauen
und Mitgefühl machten, Menschen, denen Wut und Aggression fremd
waren. Mit 12 entschied sich jeder Bewohner, ob er in Childworld
bleiben wollte oder nicht. Aber in den letzten 40 Jahren hatte
niemand mehr Childworld verlassen, es musste das Paradies sein.
Aber jetzt war es zu friedlich dort und als Paul und Joseph sich in
die Nacht begaben, als sie sich vorsichtig vorwärts pirschten, war
außer dem feinen Sirren der Grillen nichts zu hören, nicht ein Ton.
“Riechst Du das?” fragte Joseph und drückte eine Faust gegen seinen
Magen.
Ein Duft wie Tod und Grauen erreichte ihre Nasen, süßlich, würgend
süßlich. Ein Duft, irgendwo zwischen verfaulten Äpfeln und warmen
Essen.
Sie schalteten ihre kleinen Taschenlampen ein und erstarrten.
“Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott!” Joseph stolperte
rückwärts und schluckte ein paarmal um den sauren Geschmack wieder
los zu werden, der sich in seinem Hals sammelte, sich auf seine Zunge
legte, seinen Gaumen nicht loslassen wollte.
“Zum Teufel, was ist hier passiert?”
Peter richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf die Leichenreste
vor sich. Sie sahen aus als sei ein Tier durchgedreht und habe sich
voller Blutdurst auf die Menschen hier gestürzt. Eine Bestie, ein
mordendes Ungeheuer.
Sie hasteten vorwärts und ignorierten das Knirschen unter ihren
Füßen, von dem sie nun wussten, dass es von den Knochenresten kam.
Die riesigen Märchenfiguren, Wahrzeichen und Staatssymbol von
Childworld, lagen zerschmettert am Boden, es roch nach Blut, Schweiß
und Urin. Jemand hatte Schneewittchens Brüste, aus feinstem weißen
Marmor gebildet, nicht nur mit roter Farbe besprüht, er hatte auch
mit anderen Steinen auf ihnen herumgehämmert, wie man sehen konnte.
Marmorreste lagen um die Gestalt herum.
Sie gingen weiter, weiter durch ein totenstilles Childworld, rochen
geronnenes Blut und den Geruch von Menschen, die starben, von
Menschen, die sich in Hose gemacht hatten vor Angst, von Menschen,
die bereits lange Zeit tot waren.
Es war wie eine Vision der Apokalypse.
Plötzlich erhob sich eine Stimme, die die Stille durchbrach wie ein
Donnerschlag den Himmel bevor der Regen einsetzte. Eine hohe, vor
Angst verzerrte Stimme, die, fast am Ende ihrer Kräfte “Hilfe! Help!
Hilfe!” schrie. Sie hetzten vorwärts, gruben unter den Leichenteilen
und sahen ihn.
Ein kleiner Junge, vielleicht sieben Jahre alt, lag unter den
Leichen, sein Gesicht war voller Blut und Dreck. Der Kleine war am
Ende seiner Kräfte, wimmerte und versuchte gleichzeitig zu fliehen
als er die beiden Männer sah, die Augen vor Furcht weit aufgerissen.
Es dauerte lange, sehr sehr lange bis er mit ihnen sprechen konnte.
In zwei Tagen würden die Hubschrauber kommen und sie beide abholen.
Und ihn.
Den letzten Überlebenden von Childworld, den letzten Überlebenden
einer Welt, die für ihn das Paradies sein wollte und seine Hölle
geworden war.
Anfangs, so erzählte er, war alles toll gewesen. Die Autos fuhren nur
30 Stundenkilometer, Kinder hatten überall Vortritt, die Schulbildung
wurde besser und alle kümmerten sich wieder um die Kinder.
Doch dann lief etwas schief, denn spätestens ab 12 Jahren begannen
die Kinder, ein wenig rebellisch zu werden, zumindest viele. Ein
unbändiger Drang, das bisher Verbotene zu erkunden und aus zu
probieren, erfüllte sie und so kam es nicht nur zu Gewalt, sondern
auch zu sexuellen Exzessen, zu frühzeitigen Schwangerschaften, zu
Wutausbrüchen.
Doch nach einer Weile hörte auch dies wieder auf, Childworld wurde
wieder zum sicheren Hafen, zum Paradies.
“Ich weiß nicht, was … was war.” sagte der kleine Junge und stürzte
sich gierig auf die Astronautennahrung, die Peter ihm gab. “Aber…
sie waren…” Er brach ab und weinte.
“Es war alles friedlich. Wirklich toll. Alles ruhig… Aber dann
kamen plötzlich diese Leute. Sie waren so wütend… und… ”
Peter und Joseph hörten ihm zu bis ihm die Augen zu fielen, dann
sahen sie sich an und in ihren eigenen Augen war das Grauen zu sehen,
das sie empfangen.
“Sie haben die Leute ruhig gestellt?”
“Einige haben mit 12 gesagt, sie wollen die Gesetze respektieren,
aber sie wurden halt neugierig. Also haben sie sie mit irgendwelchen
Sachen zu gedröhnt, die sie dem Wasser beimischten. Aber etwas lief
schief-”
“Die Leute waren zu sehr ruhig gestellt, sie hatten auch keine Lust
mehr auf Sex.”
Joseph nickte. “Und viele waren impotent.”
Peter schloss die Augen.
“Und dann eröffneten sie Zuchtanstalten, wohin sie die brachten, die
gegen die Drogen immun waren. Aber irgendwann ging etwas schief und
die Leute entkamen. Und richteten ein Blutbad an.”
Der Junge war aufgeschreckt und sah Peter nun an.
“Nein.” sagte er leise. “Das waren nicht die… Die… die anderen
waren es, nachdem sie kein Wasser mehr fanden und nachdem man ihnen
gesagt hatte, was passiert war. Und dabei wollten sie alle nur das
Beste…”